Am 3. Oktober wurden in Marbach Brandanschläge auf drei Gebäude verübt. Der Täter warf Brandsätze auf das Haus, in dem er selbst lebt, auf die evangelische Kirche und auf das Polizeirevier. Bei seiner Verhaftung äußerte er sich rassistisch, er hetzte gegen Geflüchtete, die „alle ins Land geholt“ würden und bezeichnete die Polizei als den Handlanger der Regierung, die das ermögliche. Trotzdem schloss die Ludwigsburger Kriminalpolizei noch am Wochenende der Tat ein rassistisches Motiv aus und verwies auf den „psychischen Ausnahmezustand“ des Täters. Auch in der Berichterstattung ist größtenteils nur die Rede von einem „verwirrten Täter“. Wie kommt es dazu?

Natürlich kann es sein, dass sich der Täter zum Tatzeitpunkt in einem psychischen Ausnahmezustand befand. Das erklärt aber nicht, warum sich seine Wut in dieser Situation gegen Geflüchtete gerichtet hat und er rassistische Äußerungen getätigt hat. Kann sich die Ludwigsburger Kriminalpolizei nicht vorstellen, dass sich rassistischer Hass auch in einem solchen Ausnahmezustand entladen kann und somit definitiv ein Motiv darstellt? Wer rassistische Parolen ruft, darf nicht einfach nur als „verwirrt“ und krank abgetan werden. Wer sich so äußert, steht rechtem Gedankengut mindestens offen gegenüber. Schon kurz nach der Tat ein rassistisches Motiv auszuschließen, trotz fremdenfeindlicher Parolen, lässt den Eindruck entstehen, dass ein vermeintlicher psychischer Ausnahmezustand eine Entschuldigung für solche Parolen sei. Ein rassistisches Motiv als „Verwirrung“ abzutun verharmlost die Gefahr von rassistischem Gedankengut. Rassismus muss klar als Rassismus benannt werden, wo und in welcher Form auch immer er auftritt. Denn nur, wenn wir Rassismus benennen, können wir ihn auch erfolgreich bekämpfen.

Rassismus nicht zu benennen hat in Deutschland Tradition. Bereits bei den Anschlägen des NSU wurden zuerst die Familien der Opfer Ziele rassistischer Ermittlungstaktiken – das hinter den Morden stehende rechte Netzwerk wurde bis heute nicht vollständig aufgedeckt. Die Grenzen des Sagbaren wurden unter anderem durch den Aufstieg der AfD so weit nach rechts verschoben, dass Rechte Gewalttäter*innen und ihre Sympathisant*innen sich ermutigt fühlen, ihrer zunächst verbalen Hetze auch Taten folgen zu lassen.

Dass nach der Tat in Marbach direkt ein rassistisches Motiv ausgeschlossen wurde, überrascht uns zwar nicht, enttäuscht uns aber doch. Die Black Live Matter Bewegung hat es in den letzten Monaten geschafft, dass endlich öffentlich über Rassismus, seinen Ursprung und seine Funktionsweise gesprochen wird. Im Fall des Anschlags in Marbach zeigen sich zwar viele Menschen betroffen. Jedoch entsteht der Eindruck, die meisten seien nicht willens, den mit dieser Tat zusammenhängenden Rassismus ernst zu nehmen, ihn zu benennen und sich ihm entgegen zu stellen.
Auch die Berichterstattenden müssen sich fragen, ob es ihren eigenen Ansprüchen genügt, die Polizeimeldungen einfach zu übernehmen. Gerade beim sensiblen und komplexen Thema Rassismus, mit dem die Polizei, wie in den letzten Monaten deutlicher denn je wurde, in ihren eigenen Reihen Probleme hat und dem sich dem bisher nicht gestellt wurde. Die entsprechende polizeiliche Beurteilung, ob eine Tat nun rassistisch motiviert ist, oder nicht, sollte daher kritisch hinterfragt werden. Vor allem dann, wenn sie so fragwürdig kurz nach der Tat aufgestellt wird.

Es ist schön, dass sich nach den Brandanschlägen so viele hilfsbereite Menschen gefunden haben, die die Betroffenen mit dem Nötigsten versorgt und ihnen ihre Unterstützung angeboten haben. Doch wir müssen noch einen Schritt weiter gehen und Konsequenzen aus der Tat und dem Umgang der Polizei mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ziehen.

Wir wollen, dass die Betroffenen von Rassismus wissen, dass wir sie unterstützen möchten. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Rassismus sowohl strukturell als auch im sozialen alltäglichen Leben weit verbreitet und vielerorts akzeptiert ist.

Wir wissen auch, dass wir gemeinsam etwas daran ändern können, wenn wir zusammenhalten und uns nicht entmutigen lassen.